Apollo

Der Ausstieg

Nach der Landung des LM fragte Houston bei den Astronauten an, ob sie zunächst eine Schlafpause einlegen oder den sofortigen Ausstieg wollten . Sie entschieden sich für Letzteres.

Also begannen die Astronauten, sich für den Ausstieg vorzubereiten. Sie überprüften das benötigte Equipment – vor allem die Raumanzüge samt deren Lebenserhaltungssystem –, wofür sie etwa vier Stunden brauchten, erheblich länger als bei den Simulationen auf der Erde. Dann wurde die Luft in der Fähre abgelassen, was noch einmal 45 Minuten dauerte. Um 22.38 Uhr öffneten die beiden Astronauten die Luke und Armstrong trat hinaus auf eine kleine Plattform, der so genannten Veranda, von wo die Leiter an einem der vier Landebeine hinunter zur Mondoberfläche führte.

Armstrong trat an die Leiter heran und begann die neun Sprossen hinunterzusteigen. Bei jeder Sprosse hielt er, auf Anraten des NASA-Mediziners, inne, um sich an die geringe Schwerkraft des Mondes zu gewöhnen. Auf der zweiten Sprosse (von oben) zog er an einem Handgriff, der unterhalb der Veranda angebracht war, und klappte die MESA, einen Vorratskasten heraus, der unter anderem eine schwarz/weiß-Kamera enthielt, deren Objektiv auf die Leiter gerichtet war. Nachdem sie von innerhalb der Fähre durch Aldrin aktiviert worden war, filmte sie den weiteren Abstieg Armstrongs hinunter zur Mondoberfläche.

Drei Minuten später sprang Armstrong von der letzten Stufe auf den Landeteller der Leiter. Dann beschrieb er, dass der Teller nur ein bis zwei Inches (2,5 bis 5 cm) in den Mondstaub eingesunken sei. Schließlich kündigte er an, jetzt vom LM zu treten. Als er mit dem linken Fuß erstmals den Mondboden berührt - um 22.56 Uhr am 20. Juli 1969 Cape-Kennedy-Zeit, das ist der 21. Juli um 3.56 Uhr MEZ -, sagte er jenen Satz für die Ewigkeit, wonach dieser Schritt ein kleiner für einen einzelnen Menschen sei, aber einen großen Sprung für die gesamte Menschheit darstelle.

Armstrong entfernte sich einige Schritte von der Fähre und sammelte mit einem kleinen Greifinstrument einige Gramm Mondstaub auf, die so genannte Notfallprobe (contingency sample), damit sie etwas vorzuweisen hatten, falls sie den Mond schneller als vorgesehen wieder verlassen müssten. Erst danach verließ Aldrin das LM. Als sich beide Astronauten auf der Mondoberfläche befanden, ging Armstrong zu einem der Landebeine und enthüllte eine Metallplakette (sie war nicht im Bild zu sehen). Er las die Inschrift vor:

HERE MEN FROM THE PLANET EARTH
FIRST SET FOOT UPON THE MOON
JULY 1969, A. D.
WE CAME IN PEACE FOR ALL MANKIND

Als Nächstes zog Armstrong die TV-Kamera samt Kabel aus der MESA und stellte sie etwa 15 Meter vom LM entfernt auf ein Stativ in Panorama-Position. Während des Transports übertrug sie weiter und lieferte chaotisch verwackelte und verwaschene Bilder. Vom neuen Standort aus zeigte sie den Rest der astronautischen Mondaktivitäten rund ums LM – immerhin die erste Live-Übertragung aus einer anderen Welt. Aber auf uns Heutigen wirken die Bilder immer ein bisschen, als befände man sich in einem gewagten Experimentalfilm gedreht als Endlos-Sequenz ohne Schnitte und Perspektivwechsel in spartanischem Schwarz/Weiß mit unterirdischen 10 Bildern pro Sekunde und kümmerlichen 320 Zeilen Auflösung pro Bild. Jedes Handy verweist heutzutage, bei hundertfach geringerem Gewicht, eine solche Qualität auf die hintersten Plätze. Aber damals war die Kamera "ein kleines Wunderwerk irdischer Elektronik", eigens für die NASA entwickelt.

Nach der Plakette, die der Menschheit Tribut zollte, folgte die Verbeugung vor der eigenen Nation, die das Ganze schließlich auf den Weg gebracht und abgeschlossen hatte und dabei finanziell erheblich gefordert worden war. Kurz: Armstrong und Aldrin hissten auf dem Mondboden die US-amerikanische Flagge. Das allerdings ging nicht ganz so glatt wie zuvor die Enthüllung der Plakette, denn den Astronauten – beide mussten immer wieder Hand anlegen – wollte es nicht gelingen, die Konstruktion, zugegebenermaßen komplizierter als eine aufgeschweißte Plakette, stabil in den Boden zu treiben. Während der gesamten EVA blieben die Stars and Stripes eine wacklige Angelegenheit.

Die Standarte stand, mangels Wind, halbwegs still, als sich Houston meldete und den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Richard Nixon, avisierte, der aus dem Oval Office des Weißen Hauses ein paar Worte mit den Helden der Nation wechseln wollte. Sein getragen-pathetisches Statement, das er verlas, nachdem Houston die Verbindung frei gegeben hatte, wiederholte in Worten, was man in den vergangenen Minuten gesehen hatte: Lob der eigenen Nation, eingebettet in ein Hoch auf die gesamte Spezies, die mit dieser Mission "den Himmel zu einem Teil der Welt des Menschen" gemacht habe.

Nach dem Ende des Telefongesprächs begannen die Astronauten, die beiden Instrumente – Seismometer und Laserreflektor – aufzustellen. Aldrin übernahm das Seismometer, das Mondbeben aufzeichnete (auch künstlich hervorgerufene durch den Absturz von nicht mehr gebrauchter Hardware), Armstrong den Reflektor, der zur exakten Entfernungsbestimmung zwischen Erde und Mond durch irdische Laser diente. Das Ganze dauerte etwa 20 Minuten.

Die letzte Aktivität der EVA – das Verstauen der gesammelten Gesteinsproben (insgesamt waren es 22 Kilogramm) – stellte sich als der für die Astronauten anstrengendste Teil der Mond-Mission heraus: Aldrin, der bereits ins LM zurückgekehrt war, empfing die mit Mondgestein gefüllten Transportbehälter, die Armstrong mithilfe eines Seilzugs nach oben auf die Veranda transportierte. Seine Pulsfrequenz stieg dabei auf 160 Schläge pro Minute, ein wenig höher als beim kritischen Landeanflug. Nachdem alle Behälter nach oben gebracht worden waren, stieg Armstrong die Leiter nach oben und kehrte ins LM zurück. Die erste Vorort-Erkundung von Menschen auf einer anderen Welt hatte etwas mehr als zweieinhalb Stunden gedauert.

Zur Mittagszeit des 21. Juli – die Astronauten hatten eine 7-stündige Schlafpause eingelegt – stand dann ein weiteres kritisches Manöver an: Der Wiederaufstieg des LM von der Mondoberfläche sowie das Andocken an das CSM im Mondorbit. Um 11.32 Uhr begannen die Vorbereitungen mit dem Durchgehen der Checkliste für Start und Rendezvous. Dann wurden die Bahndaten des CSM sowie die Position des LM auf der Mondoberfläche (die allerdings nur ungefähr bekannt war) in den Bordrechner des LM eingegeben, der daraus den Startzeitpunkt und die Brenndauer des Triebwerks der Aufstiegsstufe berechnete.

Die Panorama-Kamera auf der Mondoberfläche, die die EVA übertragen hatte, zeigte nur das verlassene Exkursionsgebiet mit einsam stehender Flagge sowie das LM von außen. Ein Bild ohne jede Bewegung – gleichsam ein Mond-Stillleben mit Fähre und Flagge. Kurz bevor das Aufstiegstriebwerk um 13.54 Uhr zündete, minimalisierte man das Fernsehbild, medial sensibel, sogar zu einer Schwarzblende, da man den Zuschauern nicht zumuten wollte, live mitzuerleben, wie die beiden Astronauten im Fall einer Fehlfunktion des Triebwerks auf dem Mond strandeten (was sie zum Tode verurteilt hätte).

Doch liefen Aufstieg und Rendezvous per Automatik-Steuerung ohne Eingriff der Astronauten oder Mission Control reibungslos ab, und dreieinhalb Stunden nach dem Start von der Mondoberfläche koppelten das CSM und die Aufstiegsstufe des LM aneinander. Auch das anschließende Umladen der Gesteinsproben sowie der Umstieg von Armstrong und Aldrin ins CM lief nach Plan. Das Gleiche galt für die Trans Earth Injection (TEI), den Einschuss in die Rückkehrbahn zur Erde.

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