Apollo

Die Landung

Sonntag, 20. Juli 1969, 7 Uhr morgens (Houstoner Zeit). Die Astronauten wurden von Mission Control geweckt, und begannen sich auf die Raumschifftrennung vorzubereiten, das heißt auf die Entkopplung (englisch undocking) von CSM, das mit Michael Collins in der Mondumlaufbahn verbleiben, und LM, das mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf der Mondoberfläche landen würde. Collins arbeitete im CM, Armstrong und Aldrin stiegen um ins LM arbeitete dort die umfangreichen Checklisten ab. Resultat in beiden Fällen: Alle Systeme befanden sich im grünen Bereich. Um 13.45 Uhr löste Collins vom CM aus die Verbindung und gibt das LM frei.

Das LM befand sich wieder auf der erdabgewandten Seite des Mondes, als gegen 15 Uhr die Abstiegssequenz eingeleitet wurde. Deshalb erlebten Armstrong und Aldrin während des Abstiegs des LMs auch jene Erscheinung, die noch jeden Astronauten seit Apollo 8, so abgebrüht er auch sein mochte - und jeder Testpilot ist abgebrüht, sonst wäre er kein Testpilot -, tief und nachhaltig beeindruckte: den Erdaufgang über dem Mondhorizont.

Sie erschien plötzlich, buchstäblich ohne jede Vorwarnung, abrupt, wie kein Gestirn auf der Erde je am Himmel erscheinen könnte. Auf der Erde geht die Sonne, der Mond und jeder Stern allmählich auf, kämpft sich durch die wabernde, verdunkelnde, verzerrende Atmosphäre heraus, bis das Gestirn schließlich am Himmel ganz und gar präsent ist. Der Mond hingegen hat keine Atmosphäre. Die Erde erschien den Astronauten mit "abrupter Plötzlichkeit" - in der einen Sekunde noch unsichtbar, in der nächsten ganz und gar da. Als blau-silbernes Juwel in der Schwärze des Alls, als Hort des Lebens über dem toten Mond. "Wie auf einer gigantischen himmlischen Bühne", schreibt Jesco von Puttkamer, "auf der die kraterübersäte, zerklüftete Mondlandschaft das Proszenium und den Bühnenboden bildet, schiebt sich die Halberde in strahlendem Türkis- und Königsblau, Ockerbraun und schneeigem Weiß am schwarzen Bühnenprospekt jäh hinter den scharf abgezeichneten Kulissen des luftlosen Westhorizonts des Mondes hervor, sich vor dem kosmischen Bühnenhimmel in hartem Kontrast abhebend. Vom Schnürboden, außerhalb des durch den dreieckigen Lukenrand gegebenen Bühnenrahmens, strahlt die blendende Lichtfülle der Sonne und erhellt den Erdball und den Vordergrund gleichermaßen. Der amerikanische Kontinent liegt im vollen Sonnenschein; der subsolare Punkt befindet sich auf der Länge Kaliforniens. Dort ist gerade Mittag. Der Terminator durchzieht den Atlantik von Nord nach Süd, und Europa liegt in der Dunkelheit der Nachtseite."

Das Poetische, trocken und lyrisch in einem, wurde jäh unterbrochen durch die Notwendigkeiten der Flugmechanik: "Wir erwarten einen Manöverreport", meldete sich Houston (in Person Charlie Dukes, der zu diesem Zeitpunkt Capcom war).
Aldrin bestätigte, dass das Undocking des LM pünktlich erfolgte, und gab dann eine lange Liste technischer Daten durch. (Die, nebenbei bemerkt, einen ganz eigenen, gleichsam rational-abstrakten, aber dennoch eminent lyrischen Tonfall aufweisen, was aber von heutigen Dichtern und Schriftstellern - siehe Norman Mailers Moonfire - entweder nicht erkannt oder nicht geschätzt wird.)

Bis in eine Höhe von knapp 16 km über der Mondoberfläche folgte der Abstieg des LM den himmelsmechanischen Gesetzen, das heißt: ohne Unterstützung des Abstiegstriebwerks. Die Zündung erfolgte bei einer Missionszeit von 102h33m. Da das LM mit dem Triebwerk (sowie den ausgefahrenen Landebeinen) voraus flog, ließ das Zünden des Triebwerks entgegen der Flugrichtung den Orbit in eine (Abstiegs-)Parabel übergehen.

Bei einer Höhe von 12 Kilometern über der Oberfläche schaltete sich das Landeradar ein und lieferte digitale Höhenwerte; bei 7,6 Kilometer kamen die Werte für die aktuelle Geschwindigkeit des LM hinzu. Gleichzeitig aktivierte Aldrin vorschriftsgemäß den Auto-Track-Modus des Radars, der das im Mondorbit kreisende CSM erfasste und verfolgte, was dazu diente, dass im Falle eines Landeabbruchs dem LM beim "Durchstarten" Positionsdaten zur Verfügung standen. Das Eingehen und Verarbeiten all dieser Daten brachte den Bordrechner an den Rand seiner Kapazität und er gab die codierten Alarmmeldungen 1201 und 1202 aus. Das setzte sowohl die Astronauten als auch Mission Control kurzfristig unter Stress, brachte die Mission aber nicht in Gefahr. Im Gegenteil: Die Meldungen zeigten, dass das System funktionierte, was Mission Control auch schnell erkannte und an die Astronauten weitergab.

Im Normalfall würde eine Software nämlich abstürzen, wenn die Speicher überlaufen, und damit den Rechner lahmlegen. Die Software des LM jedoch, vom MIT entwickelt, war – damals eine Neuheit (und auch heute keineswegs selbstverständlich) – so ausgelegt, dass sie nicht einfach das Programm linear abarbeitete, bis nichts mehr ging, sondern Prioritäten setzte. Nach den Alarmmeldungen startete der Rechner innerhalb von Sekundenbruchteilen neu – die Astronauten merkten davon nicht einmal etwas – und ignorierte danach alle Daten, die für den Landevorgang nicht relevant waren.

Zu ernsteren Schwierigkeiten kam es, als die Fähre die 150-Meter-Marke erreichte. Armstrong, der am Steuer saß, aber in die Steuerautomatik nicht eingriff, sondern nur beobachtete, was sie tat, sah, dass als Zielgebiet ein Krater angesteuert wurde, in dem zahlreiche Felsblöcke lagen. Um das zu ändern, griff Armstrong per Hand in die Steuerung ein – ohne die Automatik ganz zu deaktivieren (so sorgte sie zum Beispiel weiterhin dafür, dass das LM in der Senkrechten blieb).

Armstrong steuerte über den Krater hinweg, und Aldrin gab den Resttreibstoff, der für die Landung noch zur Verfügung stand, mit "acht Prozent" an. Kein kritischer, aber schon ein knapper Wert, vor allem, weil Armstrong weiterfliegen musste, um zwei weiteren Kratern und einem Geröllfeld auszuweichen. Als Armstrong knapp zwei Minuten später die Fähre dann rund 500 Meter westlich des ursprünglichen Landepunktes aufsetzte und das mit der Meldung "The Eagle has landed" bestätigte, hatte er noch Treibstoff für etwa 40 Sekunden (wovon die Hälfte nicht für die Landung, sondern als "Fluchtreserve" diente, um ein Durchstarten der Fähre in letzter Sekunde zu ermöglichen). Die Landung war exakt um 16.17 Uhr Cape-Kennedy-Zeit am 20. Juli 1969 erfolgt (Bordzeit 102h45m).

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