Apollo

Eine fremde Welt

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Seit über zwei Tagen war Apollo 8 unterwegs, als gegen 15 Uhr nachmittags am 23. Dezember die zweite Fernsehübertragung aus dem Raumschiff live über die Sender ging. Diesmal sollte es klappen. Bei der ersten Übertragung nämlich gab es Schwierigkeiten mit der Filmkamera, weshalb es nicht gelang, ein Fernsehbild der Erde von weit draußen im All in die heimischen Wohnzimmer zu bringen.

„Wir haben die Fernsehkamera“, vermeldet Frank Borman schließlich, „direkt auf die Erde gerichtet.“
Die Kamera, eigens für Apollo entwickelt, war „ein kleines Meisterwerk der Mikroelektronik“ (Puttkamer), nicht größer als eine geballte Faust und damit ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus, denn damalige Live-Fernsehkameras waren zentnerschwer und von einem einzelnen Kameramann kaum zu bedienen. Doch konnte sie Bilder nur in schwarz/weiß übertragen. Die Farben mussten die Astronauten mündlich mitliefern.

Was sie sahen und berichteten war durchaus bemerkenswert. Obgleich schon lange bekannt, dass die Erdoberfläche zu rund drei Vierteln aus Wasser besteht, hatte man sich die Erde, von draußen betrachtet, immer in Ocker- und Grüntönen vorgestellt. Niemand, es gibt keine einzige Ausnahme, kam auf das eigentlich Naheliegende.

Die „vorherrschende Tönung der gesamten Erde“, so Jesco von Puttkamer in seinem Apollo-8-Report, „ist blau, ein strahlendes Saphirblau“. In jenen Weihnachtstagen des Jahres 1968 entstand, was weder die Astronauten noch Puttkamer schon wissen konnten, der Ausdruck „Blauer Planet“ als Synonym für die Erde als Ganzes. Unser Bild von der Erde – ausgelöst durch den Blick einer Kamera aus einem Raumschiff – begann sich zu ändern.

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Am Morgen des 24. Dezember begannen die Astronauten, die erste Fernsehliveübertragung (insgesamt die dritte der Misison) aus der Mondumlaufbahn vorzubereiten. Nach einer weiteren Mondumrundung stand um 7.31 Uhr die TV-Verbindung. Die Kamera war fest an einer der CM-Luken montiert und blickte direkt nach unten auf die Mondoberfläche und übertrug das, was sie sah, zur Erde. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, ein Frösteln fast“, so Jesco von Puttkamer, „das einen beim Anblick dieses Bildes erfaßt: die helle, öde, pockennarbige Oberfläche einer anderen Welt, die sich langsam, kaum merklich unter dem Raumfahrzeug vorbei dreht.“

Millionen von Amerikanern – die Ostküste der USA, wo die Cape-Kennedy-Zeit gilt, befand sich gerade im Aufbruch zu Arbeit oder Schule – sowie Millionen überall auf der (irdischen) Welt sahen erstmalig nicht durch das imaginierte Auge eines Dichters oder Regisseurs eine andere, fremde Welt, sondern – vermittelt durch optische und elektronische Technik – mit den eigenen Augen.

Was sie – das heißt wir, so weit wir dabei waren – sahen, war eine Welt ohne Farben: „Der Mond“, so Jim Lovell, „ist im wesentlichen grau, keine Farben. Sieht wie Gips aus oder ähnlich wie gräulicher Strandsand.“ Man blickte auf eine Welt, die nicht nur metaphorisch wüst und leer war, sondern ganz buchstäblich, und das seit mehr als vier Milliarden Jahren. Es war nicht nur ein Blick hinunter auf eine fremde Welt – es war auch ein Blick weit zurück in die Vergangenheit des Sonnensystems und des Erde/Mond-Systems.

Bei jeder Umrundung des Mondes sahen die Astronauten aber auch, wie ein silbrig-blauer Diamant, die Erde, umgeben vom Schwarz des Weltraums über der Mondoberfläche, einer toten Landschaft in Grautönen, aufging. Als sie dieses Bild des „Erdaufgangs“ zum ersten Mal erblickten, entschlüpfte William Anderson ein „Oh, mein Gott!“ Obgleich die Bahndaten des Raumschiffs zu jedem Zeitpunkt der Mission genau bekannt waren, traf sie dieser Anblick völlig unerwartet. Die Fotos, die Anders von diesem Ereignis schoss – Halberde über Mondoberfläche – wurden zu Ikonen, zu einem Vermächtnis des Apollo-Programms. Die Metapher vom Blauen Planeten erhielt mit diesen Bildern seinen konkreten Ausdruck.

Halberde über Mond
Halberde über Mond

Am Abend des gleichen Tages, dem 24. Dezember, einem Tag bekanntlich, an dem die westliche Welt anfällig ist für jede Art von religiösem oder spirituellem Kitsch, meldete sich Apollo 8 zur zweiten (und letzten) Übertragung vom Mond. Die Kamera blickte wie beim ersten Mal direkt hinunter auf die Oberfläche des Mondes und zeigte, wie „nackte Ebenen, zerklüftete Gebirgszüge und riesige Krater“ langsam unter dem Betrachter dahinzogen. Zunächst schilderten die Astronauten ihre Gefühle angesichts dieser Bilder. Bormans Eindruck „ist der einer gewaltigen, einsamen, abschreckenden Ausdehnung von Nichts“. Lovell fügte hinzu: „Die riesenhafte Einsamkeit des Mondes hier oben ist furchteinflößend.“ Woraus er so etwas wie ein Fazit zog: „Von hier aus gesehen ist die Erde eine grandiose Oase in der weiten Wüste des Weltalls.“

Und anschließend, „als tief unter den staunenden Augen von Millionen von Menschen das Smyth-Meer, das Pyrenäen-Gebirge, das Mare Crisium und das Mare Tranquillitatis vorüberziehen und der dräuende Terminator näher und näher rückt“, sagte Bill Anders: „Wir nähern uns nun dem lunaren Sonnenaufgang. Und für alle Menschen unten auf der Erde hat die Besatzung von Apollo 8 eine Botschaft, die wir euch senden möchten …“ Fast übergangslos begann er dann zu rezitieren: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster …“ Im Wechsel lasen die Astronauten dann den Rest der Genesis und schlossen mit den Grußworten: „Viel Glück, Fröhliche Weihnachten und Gottes Segen für euch alle.“

Damit endete diese zweite Übertragung vom Mond nach knapp einer halben Stunde. „Für viele Menschen“, so Jesco von Puttkamer in seinem Report, wurde die Lesung der biblischen Schöpfungsgeschichte „zum ergreifendsten Moment des Fluges“.

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