Die Anfänge

Begonnen – und nie ganz aus den Augen verloren – hat es mit einem Traum, den als Erster der Russe Konstantin Ziolkowski technisch für möglich und menschlich für sinnvoll hielt: Die Erde zu verlassen und zu anderen Welten aufzubrechen. Bis in die 1920er Jahre hinein blieb das freilich Theorie, fantastische Spielerei von Schriftstellern, Träumern und sonstigen Spinnern ...

Eine Wende stellte das Jahr 1923 dar, als der Siebenbürger Hermann Oberth sein Buch Die Rakete zu den Planetenräumen veröffentlichte. Im Deutschland der Inflationszeit – die Wirtschaft lag am Boden, das Geld war nichts mehr wert, die Arbeitslosigkeit stieg stetig an – fiel dieses Buch, obgleich schwer verständlich (es bestand zum Großteil aus mathematischen Herleitungen), auf fruchtbaren Boden. Für den Verlag war es zwar ein Verkaufserfolg, stieß aber zur Enttäuschung Oberths in der Fachwelt kaum auf große Resonanz. Es waren Laien, die es begeistert aufnahmen. Mehrfach wurde es – so von Max Valier oder Willy Ley, der eine Astronom und Science-Fiction-Schriftsteller, der andere Biologe und Wissenschaftsjournalist – in leicht verständlicher Form popularisiert (jeweils mit dem Einverständnis Oberths).

In der Folge entstand in Deutschland ein wahrer Raketenboom: Autos, Schienenfahrzeuge, Flugzeuge – alles wurde mit Raketen beschleunigt. Fritz von Opel baute zusammen mit erwähntem Max Valier den raketengetriebenen Rakwagen 1, mit dem von Opel eine Geschwindigkeit von 138 km/h erreichte, was er einige Wochen später mit dem Rakwagen 2 auf 235 km/h steigerte. Und RAK 3 stellte, unbemannt und auf Schienen laufend, mit 254 km/h einen neuen Geschwindigkeitsrekord für Schienenfahrzeuge auf. Der weltweit erste bemannte Raketenflug fand, von von Opel finanziert, am 11. Juni 1928 stand: Die mit zwei Feststoffraketen bestückte Lippisch-Ente, ein Segelflugzeug mit Doppelstocktragflächen, erreichte eine Höhe von 20 Metern und flog in 80 Sekunden rund 1,5 Kilometer weit. Beim dritten Flugversuch fing das Flugzeug Feuer und brannte vollständig aus; der Pilot, Fritz Stamer, konnte sich nur mit knapper Not retten, indem er die Flucht vor den Flammen ergriff. Daraufhin wurden weitere Versuche aufgegeben.

 

Photos of TECHNO CLASSICA 2011 exhibition in Essen (Germany) on April, 1st of 2011.
Opel Rak 2: Der Antrieb
Rak 2, aufgenommen mit Minolta DSC
Opel Rak 2
Lippisch-Ente
Die Lippisch-Ente: Mit ihr wurde am 11. Juni 1928 der erste Raketenflug gestartet. (Flugrichtung von rechts nach links!)
Raketen der Lippisch-Ente
Die zwei (Feststoff-)Raketen der Lippisch-Ente, die nacheinander gezündet wurden.
Opel Sander Rak 1
Noch ein Flugzeug …: Am 10. September 1929 flog Julius Hatry den von ihm konstruierten, ebenfalls mit Feststoffraketen ausgerüsteten Opel Sander Rak 1 (benannt nach dem Finanzier Fritz von Opel).

 

Im Winter 1929 jagte Max Valier auf dem zugefrorenen Starnberger See, südlich von München, den RAK Bob auf Kufen bis auf eine Spitzengeschwindigkeit von mehr als 400 km/h. Zusammen mit Walter Riedel unternahm er auch die ersten Versuche mit Triebwerken, die mit flüssigem Sauerstoff angetrieben wurden. Am 17. Mai 1930 starb Max Valier beim Probelauf eines Triebwerks, das mit Paraffin angetrieben wurde, weswegen er häufig als erstes Todesopfer der Raumfahrt bezeichnet wird.

Doch dem von ihm und Walter Riedel eingeschlagenen Weg – die Verwendung von flüssigen Treibstoffen – gehörte die Zukunft, denn wie schon Oberth in seinem Buch schrieb (und vor ihm Ziolkowski in Russland erkannte), lieferten Feststoffraketen, die ja aus nichts anderem als Schießpulver bestanden,

  1. nicht genug Energie; die sie außerdem
  2. zu schnell, das heißt schlagartig, abbrannten; und waren
  3. nach der Zündung nicht mehr zu beeinflussen.

Zum gleichen Ergebnis war in den USA Robert Hutchings Goddard gekommen, der allerdings als Einzelkämpfer mit wenig Mitarbeitern – zuvörderst seiner Frau Esther – experimentierte; er fand zwar einzelne Gönner und Förderer (darunter auch Charles Lindbergh, der 1927 als Erster den Atlantik nonstop von New York nach Paris in einem Flugzeug überquert hatte), vermied es aber, mit seinen Versuchen an die Öffentlichkeit zu treten, nachdem er mit einigen seiner Äußerungen zur Raumfahrt nur Hohn und Spott geerntet hatte. Dennoch war es Goddard, dem es gelang, die erste Flüssigkeitsrakete der Welt zu starten: Am 16. März 1926 startete er das 6 Meter hohe, betankt nur 4,7 kg schwere Gerät und erreichte damit eine Höhe von 12,5 Meter, eine Distanz von 56 Meter und eine Geschwindigkeit von 100 km/h; der Flug dauerte 2 1/2 Sekunden. Mit einer gewissen Verzögerung fand dieses Ereignis in Europa mehr Beachtung – die Peenemünder sahen in Goddard einen Pionier – als in den USA selbst. Das war mit ein Grund, weshalb die amerikanische Raketentechnik (und damit die Raumfahrt) nicht mit Goddard ihren Anfang nahm, sondern nach 1945 von Europa (speziell aus Deutschland) importiert wurde.

Als Höhepunkt der Raketenbegeisterung der 1920er Jahre erlebte Deutschland am 15. Oktober 1929 die Premiere eines Films, der die Fahrt zum Mond mittels einer Rakete zum Inhalt hatte. Na ja, eigentlich war der Inhalt des Films Frau im Mond eine Geschichte von Liebe, Verrat und selbstloser Opferbereitschaft, in der eine Rakete eine wenn auch dramaturgisch wichtige Rolle spielte. Die Darstellung der Startsequenz war so realistisch dargestellt, dass sie Szenenapplaus erntete. Und Fritz Lang, der Regisseur, erfand dafür aus rein dramaturgischen Gründen den uns heute so vertrauten Countdown. Um das Abheben der Rakete als besonderen Moment hervorzuheben, war es natürlich sinnlos, einfach von 1 an aufwärts zu zählen, denn dann wusste ja niemand, wann es soweit war. Wenn man aber rückwärts zählt, war es klar, dass es beim Erreichen der Null losgehen würde. Aber nicht nur mit dem Countdown, der in den 1950er Jahren in der wirklichen (westlichen) Welt bei Raketenstarts üblich wurde, beeinflusste Frau im Mond die weitere Entwicklung der Raketentechnik in Deutschland.

Es ist nicht sehr übertrieben zu sagen, dass von diesem Film ein (fast) direkter Weg zu Peenemünde führt ...

 

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