Frau im Mond

Auch Fritz Lang, damals ein berühmter und einflussreicher Regisseur (von ihm stammen die Monumentalfilme Die Nibelungen und Metropolis), hatte von Oberths Buch Die Rakete zu den Planetenräumen gehört und fand, dass Oberth der richtige Mann sei, um dem Film wissenschaftlich-technische Glaubwürdigkeit zu verleihen. Er lud Oberth nach Berlin ein, um bei den Kulissen des Films – der Rakete, dem Flug zum Mond, der Mondoberfläche – als "wissenschaftlicher Berater" mitzuwirken. Oberth ließ sich von seiner Lehrer-Stelle in Mediasch, Rumänien (Siebenbürgen), beurlauben und reiste nach Berlin. Willy Ley, den Fritz Lang ebenfalls für die Mitarbeit gewonnen hatte, war es schließlich, der einen sehr gewagten Vorschlag machte: Oberth solle zusätzlich zur Raketen-Attrappe eine echte, flüssigkeitsgetriebene Rakete bauen und sie zur Premiere des Films publikumswirksam starten. Lang war – natürlich – begeistert. Die Herren von der Filmgesellschaft Ufa, denen er den Vorschlag unterbreitete, zunächst weniger. Es bedurfte einer gewissen Überzeugungsarbeit, bis sie endlich zustimmten und eine nicht unbeträchtliche Geldsumme zur Verfügung stellten ...

Bevor Oberth im Oktober 1928 mit der Arbeit an der "echten" Rakete begann, bot sich ihm der Ingenieur und ehemalige Kampfflieger Rudolf Nebel in einem Brief als Mitarbeiter an. Oberth lud ihn zu einem Gespräch ein, war (wie jedermann) von dem Mann beeindruckt, was damit endete, dass er ihn "noch am selben Tag als Mitarbeiter" einstellte, so Rudolf Nebel später in seiner Autobiografie Die Narren von Tegel. Nebel, ein agiler, eloquenter Bayer, der halb Berlin persönlich zu kennen schien, sollte sich als Oberths wichtigster Mitarbeiter erweisen (und prägend werden für die Anfangstage der deutschen Raketenforschung).

Für ihr Geld – nach Rudolf Nebel waren es zunächst 10.000 Reichsmark, insgesamt rund 35.000 Mark – wollten die Filmleute aber auch etwas geboten bekommen: Sie forderten eine 15 Meter hohe Rakete (was die spätere V2 übertroffen hätte), konnten aber von Oberth, der dies natürlich als völlig utopische Forderung erkannte, auf eine 2-Meter-Rakete "heruntergehandelt" werden, die mit 16 Liter Treibstoff – flüssiger Sauerstoff und Benzin – angetrieben wurde. Nach Oberths Berechnungen könnte eine solches Geschoss auf eine Höhe von 40 Kilometer kommen. Als Startplatz war die Greifswalder Oie vorgesehen, eine Insel vor Peenemünde (!), was von den Behörden jedoch abgelehnt wurde, da sie den dortigen Leuchtturm durch einen Raketenstart gefährdet sahen. Zum neuen Standort des versprochenen Raketenstarts wählte man daraufhin das Seebad Horst, etwa 100 Kilometer weiter östlich an der Pommerschen Bucht gelegen (heute polnisch).

Nachdem die grundlegenden Dinge mit der Ufa geklärt waren, stürzte sich Oberth "mit Besessenheit auf die Reklamerakete", so Nebel. "Die Filmstory interessierte ihn nicht. Der Theoretiker aus Siebenbürgen will mit seiner ersten praktischen Arbeit wissenschaftlich bestehen können." Es ist zwar nicht ganz richtig, dass dies seine erste praktische Arbeit war – schon in seiner Jugend hatte Oberth immer wieder Experimente unternommen, um seine theoretischen Überlegungen zu untermauern –, doch eine Gelegenheit, seine im Buch theoretisch entworfene Rakete tatsächlich zu bauen, hatte sich ihm bisher noch nicht einmal annähernd geboten. Und so fuhr er, monatelang, jeden Morgen mit Rudolf Nebel, da nur dieser ein Auto hatte, sowie einigen Assistenten, die sie angeheuert hatten, aufs Filmgelände Neubabelsberg in Potsdam, um die Rakete für den Start zur Filmpremiere in weniger als einem Jahr fertig zu stellen. Das allerdings stellte sich schnell als sehr viel aufwendiger, zeitintensiver und damit auch teurer heraus als gedacht. Oberth ließ sich von alledem nicht beirren: Bei Experimenten mit dem von ihm konstruierten Brennofen (wie das Triebwerk einer Rakete häufig genannt wird) kam es zu mehreren Explosionen, eine davon so schwer, dass Oberth über längere Zeit Gehör- und Sichtschäden davontrug (von denen er sich aber wieder erholte). Und die Berliner Zeitungen berichteten über die Oberth'schen Fortschritte (gelegentlich auch Rückschritte) beim Raketenbau genauso reißerisch wie von den Dreharbeiten Langs, die anfangs parallel verliefen. Während Fritz Lang die aufwendigen Dreharbeiten zwar nicht pünktlich, aber immerhin erfolgreich beendete, mussten Oberth und Nebel angesichts der Schwierigkeiten – jedes Experiment warf mehr Fragen auf als es Antworten lieferte, die dann mit neuen Experimenten überprüft werden mussten – schließlich passen: Die Premiere des Films, der, so Nebel, "die damals ungeheure Summe von 1,8 Millionen Mark gekostet hatte", fand am 15. Oktober 1929 im Ufa-Palast ohne Raketenstart statt. Ein "glanzvolles gesellschaftliches Ereignis" wurde es trotzdem. "Ein Polizeigroßaufgebot", beschreibt Nebel die allgemeine Stimmung in der Rückschau, "hielt die Menschenmassen in Schach, die einen Blick auf die Prominenz werfen wollte, die in Smoking und großem Abendkleid ihren Einzug hielt. Direkt aus dem Foyer schilderte ein Rundfunkreporter den äußeren Rahmen der Veranstaltung, die sich weder Zeitungszaren und Politiker noch der Nobelpreisträger Albert Einstein hatten entgehen lassen."

Aßenwerbung zu Fraui m Mond wird aufgehängt
Außenwerbung für (den Stummfilm) Frau im Mond. - Darunter wird geworben für den Tonfilm The Singing Fool von Al Jolson, von dem auch der erste Tonfilm (The Jazz Singer) stammt. Der Tonfilm verdrängte innerhalb weniger Jahre den Stummfilm vollständig. Frau im Mond war tatsächlich der letzte große Stummfilm und im Kino vielleicht auch angesichts der tönenden Konkurrenz kein wirklicher Kassenknüller.

Obgleich Frau im Mond nur "zu einem Viertel aus Utopie" und zu drei Vierteln "aus einer belanglosen Liebesgeschichte" bestand, wie ein Filmkritiker schrieb, entstand infolge von Langs Perfektionismus – so ließ er eigens 40 Güterwaggons mit Ostseesand heranschaffen, um die Mondlandschaft möglichst realistisch aussehen zu lassen – ein ästhetisch sehr überzeugender Film. Willy Ley, der die Werbetrommel auch während der Dreharbeiten kräftig gerührt hatte, zeigte sich am nächsten Tag in der Berliner Zeitung uneingeschränkt begeistert. Nebel gibt Leys Eloge auszugsweise wieder: "Auf der Leinwand erscheint das erste Bild. Das Raumschiff wird langsam aus der Halle gefahren. Letzte Ansagen vor dem Start. Die Passagiere legen sich in die Hängematten, der Kommandohebel wird herumgerissen ... das Raumschiff schießt in den Himmel. Riesige Feuerfontänen zucken über die Leinwand. Das Publikum ist nicht mehr zu halten. Im Raumschiff auf der Leinwand lastet der Andruck auf den Lungen der Passagiere. Mit wilden Anstrengungen wirft Willy Fritsch (der männliche Hauptdarsteller) die Mittelrakete ab, man sieht die unteren Teile wegsinken, die Triebwerke der obersten Rakete (des eigentlichen Raumschiffs) flammen auf und wieder gibt es wilden Applaus ..."

Oberth reiste nach dem Fiasko mit der Ufa-Rakete zurück nach Rumänien, doch Nebel war kein Mann, der so schnell aufgab. Er wandte sich an den Verein für Raumschiffahrt (VfR), der 1927 von einigen Raketenenthusiasten in Breslau gegründet worden war, wobei er wohl zu Recht davon ausging, dass für alle seine Mitglieder der Film Frau im Mond ein Begriff war, und unterbreitete den Vorschlag, der Ufa die Reste der Reklamerakete abzukaufen, um die Forschungen fortzusetzen. Zunächst "verlangte die Filmgesellschaft die Bezahlung alter Rechnungen", aber Nebel klopfte sie weich und für eine Summe von 1.000 Reichsmark überließen sie schließlich dem VfR die Überreste der Rakete, das Startgestell sowie das "im Film gezeigte Raumschiffmodell". Bei einem Vortrag des Vereins sprach Nebel über seine Erfahrungen bei der Ufa, womit er zumindest bei einem Zuhörer Begeisterung auslöste: Klaus Riedel (weder verwandt noch verschwägert mit Walter Riedel von den Heylandt-Werken). Der Ingenieur hatte bei der Waffenschmiede Ludwig Loewe & Co. gearbeitet, war durch eine Erbschaft unabhängig geworden und "bot", so Nebel, "spontan seine Mitarbeit an".

Aber "es fehlte noch Geld für die Arbeit". Kein Problem für Rudolf Nebel! "Ich", schreibt er, "knüpfte Kontakte zum Heereswaffenamt – und rannte offene Türen ein. Der Munitionsexperte Major (Karl) Becker war zu dieser Zeit Leiter der Ballistischen Abteilung des Amtes. Der promovierte Ingenieur zeigte großes Interesse für meine Pläne." Becker versprach, er werde die Angelegenheit prüfen und sich dann melden. Außerdem gelang es Nebel, den Leiter der Chemisch-Technischen Reichsanstalt zu überzeugen, ihm den erfolgreichen Brennversuchs eines Raketenmotors durch ein amtliches Gutachten zu bescheinigen.

Wenig später meldete sich das Heereswaffenamt und teilte Nebel mit, dass es ihm einen (einmaligen) Betrag von 5.000 Reichsmark zur Verfügung stelle. Nebel verlor keine Zeit und trommelte seine "Raketen-Mannschaft" zusammen, die Mitte 1930 aus ihm selbst und drei weiteren Mitstreitern bestand:

  • Hermann Oberth (den Nebel telegrafisch nach Berlin eingeladen hatte)
  • Klaus Riedel
  • Wernher von Braun (seit Januar 1930 Mitglied beim VfR und mit gerade 18 Jahren jüngstes Mitglied des Teams)

Für den 23. Juli 1930 kündigte Nebel den ersten Brennversuch mit dem für die Ufa-Rakete entwickelten Raketenmotor an. Obwohl die Umstände alles andere als günstig waren – schlechtes, regnerisches Wetter, schwieriges Hantieren mit dem flüssigen Sauerstoff (der eine Temperatur von –183° hat) – gelang es dem Team, in Anwesenheit zahlreicher Journalisten und Fotografen, den Ofen zum Laufen zu bringen. "Der dünne leuchtende Feuerstrahl", schreibt Nebel, "schoß fauchend heraus. Trotz der kleinen Brennkammer waren die Rauchwolken und der Lärm so eindrucksvoll, daß die Fotografen das Wetter vergaßen und gute Bilder für ihre Zeitungen machten."

Die Chemisch-Technische Reichsanstalt hielt ihr Versprechen und erstellte ein Gutachten, in dem (amtlich) bestätigt wird, dass "während der Dauer von 50,8 Sekunden eine nahezu konstante Rückstoßkraft von 7 Kilogramm ausgeübt worden sei, die dann infolge veränderlicher Zufuhr von Sauerstoff etwas absank und während weiterer 45,5 Sekunden bis zu 6 Kilogramm betrug".

Der nächste Schritt war folgerichtig der Bau einer kompletten Rakete. So entstand die kleine Mirak – ein Kunstwort gebildet aus Minimumrakete – mit einem Schub von 3,5 Kilogramm. Um das Gerät zu testen, reiste das Team nach Sachsen auf den Bauernhof von Klaus Riedels Großmutter. "Auf einem Acker in der Nähe des Bauernhofs", berichtet Nebel, "montierten wir die Mirak auf ein Prüfgestell … Dieses Gestell hielt die kleine Rakete aufrecht und so fest, daß der Schub, den die Mirak leistete, gemessen werden konnte."

Angetrieben wurde das Gerät, dessen Hauptteil ein Rohr von nur 4 cm Dicke und einer Länge von 30 cm war, genau wie Oberths Raketenmotor mit flüssigem Sauerstoff und Benzin. Zur Stabilisierung diente ein Richtstab – ähnlich wie der Holzstab einer Feuerwerksrakete – von 120 cm Länge und einem Durchmesser von etwa 12 mm. Er diente gleichzeitig als Tankbehälter für das Benzin. Zur Zündung wurde eine Kohlensäurepatrone verwendet, wie man sie zur Herstellung von Mineralwasser benutzt.

Solange die Mirak im Startgestell gezündet wurde, um ihren Schub zu messen, funktionierte sie einwandfrei. Am 7. September 1930 sollte sie erstmals frei fliegen, doch explodierte sie "unmittelbar nach dem Zünden", so Nebel. Im Übrigen hätten ihm die Versuche mit der Mirak gezeigt, dass es höchste Zeit sei, einen Ort zu suchen, der sich für den Start von Raketen eignete.

 

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