In den Himmel über Peenemünde

Nach dem dritten Fehlschlag des Aggregat 4 im August 1942 hatte sich in Peenemünde so etwas wie Nervosität breitgemacht. Ausdruck fand das zum Beispiel in einer Denkschrift, die General Walter Dornberger im September 1942 verfasste; die Vorbereitungen zum Start des vierten Versuchsmusters von Aggregat 4 liefen da bereits. Darin stellte er – zitiert nach Neufeld: Die Rakete und Reich, S. 199 – fest, dass "der Führer nicht an einen Erfolg des Gerätes A4 glaubt", dass "der Reichsminister [Albert Speer] an dem Erfolg zweifelt", und dass der Chef der Heeresrüstung [Friedrich Fromm] "das Vertrauen in die termingerechte Erledigung unserer Aufgabe verloren hat, weil wir jetzt trotz aller Versprechungen noch keinen Weitschuß erzielt haben". Er machte mehrere Vorschläge, wie diesen um sich greifenden Zweifeln an den Erfolg Peenemündes zu begegnen sei, darunter vor allem die Zurückstellung sämtlicher anderer (nicht kriegstauglicher) Projekte, die man bis dahin in Peenemünde zahlreich verfolgt hatte.

Der Start von Versuchsgerät 4 verzögerte sich "infolge widriger Wetterverhältnisse und anderer Schwierigkeiten" (Neufeld) mehrmals, aber am 3. Oktober 1942 um 15.58 Uhr bei "herrlichem Herbstwetter" startete Aggregat 4 Versuchsgerät 4 (A4-V4) endlich in den Himmel über Peenemünde …

Das A4
Das Aggregat 4

Es war ein "Bilderbuch-Raketenstart", so Gerhard Reisig, der dabei war. In trockenem Ingenieurs-Deutsch fährt er fort: "Das Umlenken der Rakete [aus dem senkrechten Aufstieg] in die Zielrichtung erfolgte zeitlich programmgemäß. Die von den vorhergehenden Erprobungsflügen gefürchtete Dralltendenz der A4-Rakete um ihre Längsachse war voll ausgesteuert [d. h. man hatte sie unter Kontrolle]. Der Start konnte mittels einer Fernsehverbindung in der Versuchsleitung im Großen Meßhaus bildlich beobachtet werden. Der nicht mehr sichtbare Teil der Flugbahn blieb durch den Dopplerton [Pfeifton, dessen Tonhöhe von der Geschwindigkeit der Rakete abhing] gegenwärtig, der aus einem an die Bodenstation angeschlossenen Lautsprecher in der Versuchsleitung zu hören war. Der Ton stieg und stieg … Nach 58 sek Flugzeit nahm die Tonhöhe unvermittelt ab: Brennschluss! Die Tonhöhe sank weiter bis zur Gipfelhöhe des Raketenflugs und stieg danach wieder an mit der zunehmenden Fallgeschwindigkeit der Rakete. In der 269. Flugsekunde brach der Dopplerton [wegen der Erdkrümmung und der begrenzten Reichweite des Senders] ab."

"Für diesen Tag", schreibt Walter Dornberger, der damalige Chef Peenemündes, später, "hatten wir zehn Jahre gearbeitet … Ich schäme mich nicht zu bekennen, daß ich Tränen der Freude fühlte. Der Versuch war gelungen. Wir hatten zum ersten Mal in der Geschichte der Rakete einen automatisch gesteuerten, strahlgetriebenen Flugkörper am gewünschten Brennschlußpunkt bis zum Rand der Atmosphäre gebracht und in den praktisch luftleeren Raum geschickt."

Womit er nur umständlich ausdrückt, was er meint: Peenemünde – und damit die Menschheit – hat an diesem Tag und zu dieser Stunde erstmals den Weltraum erreicht.

Es versteht sich von selbst, dass man dieses Ereignis spät am Abend gebührend feierte. Dabei hielt Dornberger eine "Lobrede", wie er selbst es in seinem Buch Peenemünde – Die Geschichte der V-Waffen bezeichnet. Sein Fazit (gleichzeitig ein Ausblick in die Zukunft): "Wir haben bewiesen, daß der Raketenantrieb für die Raumfahrt brauchbar ist. Neben Erde, Wasser und Luft wird nunmehr auch der unendliche leere Raum Schauplatz kommenden, kontinenteverbindenden Verkehrs werden und als solcher politische Bedeutung erlangen können. Dieser 3. Oktober 1942 ist der erste Tag eines Zeitalters neuer Verkehrstechnik, dem der Raumschiffahrt …"

Noch deutlicher sagt es Gerhard Reisig im Rückblick über 50 Jahre später: "Wenn heute vom tatsächlichen Beginn der Raumfahrtära die Rede ist, wird fast immer der Sputnik-Flug am 4. Oktober 1957 als Stichdatum genannt. Unbenommen der hohen raumfahrttechnischen Leistung der ersten Umkreisung des Planeten Erde durch den sowjetrussischen Flugkörper war dies aber keineswegs der erste künstliche terrestrische Körper überhaupt, der aus der Erdatmosphäre in den planetaren Raum, also in das Gebiet der Erdumgebung, hinaustrat, in dem die Atmosphäre kein Gaskontinuum mehr darstellt … Denn das markante Erstereignis der Raumfahrt fand bereits 15 Jahre vor dem Sputnik-Flug statt …"

In den Himmel über Peenemünde (diese Seite)

> Peenemünde & Stalingrad >