Kummersdorf

Verantwortlich für die 5000 Reichsmark, die das HWA Rudolf Nebel zur Verfügung gestellt hatte, um das Triebwerk der Ufa-Rakete – erfolgreich – zu zünden, war Oberst Dr. Dr. Karl Emil Becker. Becker, 1879 in Speyer geboren, seit 1898 bei der (zunächst Bayerischen, dann Preußischen) Armee, absolvierte nach dem Ersten Weltkrieg neben seinem Militärdienst ein Studium der physikalischen Chemie, das er 1922 mit Diplom und Doktortitel abschloss. 1926 kam er zum HWA, wo er 1929 zum Leiter der Amtsgruppe Prüfwesen (WaPrüf) wurde.

Becker hatte gegen Ende des Ersten Weltkriegs als technischer Assistent bei der Beschießung der französischen Hauptstadt durch drei sogenannte Paris-Kanonen, den größten je gebauten Geschützen, teilgenommen. Die Rohre, von denen sieben Stück gefertigt wurden, hatten eine Länge von 37 Metern, verschossen Granaten von 106 Kilogramm Gewicht (davon 7 Kilogramm Sprengstoff), das Gesamtgewicht einer Kanone lag bei 140 Tonnen. Die schienengebundenen Superkanonen beschossen Paris aus drei Stellungen heraus, wobei die 1. Stellung in der maximalen Entfernung von rund 130 Kilometer lag. Von ihrem Einsatz im letzten Kriegsjahr versprach man sich, gleichsam als letzte Chance des Deutschen Reichs, die Demoralisierung des (französischen) Feindes – der Zivilbevölkerung zunächst, was dann übergreifen sollte in die militärische Führung. Becker erlebte, wie sich dieses Versprechen als (krasse) Fehleinschätzung erwies, denn die Pariser ließen sich, nach anfänglicher Verwirrung, vom Beschuss der Kanonen kaum beeindrucken; sie arrangierten sich ...

Darüber hinaus blieb Becker bei diesem Einsatz nicht verborgen, dass mit der Paris-Kanone die technische Entwicklung der Artillerie an ein Ende gekommen war: Aufgrund der enormen Schussweite musste beim Abfeuern die Erdkrümmung sowie die Erddrehung berücksichtigt werden, was hieß, dass die Ausrichtung der Kanone beim Feuern so zu geschehen hatte, als würde man ein sich bewegendes Ziel ins Visier nehmen. Das allein machte die Handhabung bereits kompliziert und langwierig. Erschwerend kam hinzu, dass das Geschoss beim Abfeuern mit einem Druck von 4.800 bar durch das Geschützrohr getrieben wurde; die Mündungsgeschwindigkeit beim Verlassen des Rohrs betrug 1.645 Meter pro Sekunde (das sind fast 6.000 km/h!), dabei erhitzte sich das Geschützrohr stellenweise auf eine Temperatur von über 2.000 Grad. Diese enorme mechanische und thermische Belastung führte dazu, dass sich das Kaliber (der Innendurchmesser des Rohres) bei jedem einzelnen Schuss ein wenig ausweitete, was wiederum hieß, dass die Geschosse aufwendig angepasst werden mussten. Das Rohr selbst „ermüdete“ mit jedem Schuss, leierte gleichsam aus, das heißt Reichweite und Zielgenauigkeit nahmen stetig ab. Insgesamt konnten aus der 1. Stellung pro Rohr lediglich 65 Schuss abgefeuert werden, dann war das Rohr so weit abgenutzt, dass es zurück zu Krupp (dem Hersteller) zur Generalüberholung musste.

Die Paris-Kanone im Modell
Paris-Kanone (Modell, WTS, Koblenz)

Als Fazit blieb: Entwicklung und Bau der Paris-Geschütze stellten gewiss eine technische Meisterleistung dar, beim praktischen Einsatz entpuppte sich der technische Fortschritt aber als ein scheinbarer, faktisch gesehen sogar als ein Rückschritt, denn der getriebene Aufwand stand in keinerlei vernünftigem Verhältnis zum militärischen Nutzen.

In diesen Erfahrungen lagen die Wurzeln für Beckers Interesse an der Raketentechnik. Als Leiter des Prüfwesens beim HWA, dessen Aufgabe es war, neue Waffen auf ihre Kriegstauglichkeit zu testen, verfolgte er im gesamten Deutschen Reich sehr aufmerksam die Arbeiten diverser Teams oder auch einzelner Tüftler auf diesem Gebiet. Den vielversprechendsten davon griff er finanziell unter die Arme.

Auch die Männer vom Raketenflugplatz um den schrillen Nebel gehörten dazu. Becker lud sie nach Kummersdorf ein, dem Schießplatz des Heeres (seit 1875 in Betrieb), um dort eine Mirak zu starten. Nebel hatte mit dem HWA einen Vertrag ausgehandelt, der dem Raketenflugplatz eine Summe von 1.367 Reichsmark garantierte (heute wären das knapp 10.000 Euro), wenn "die Rakete einen Fallschirm in der Höhe des Kulminationspunktes entfaltet und sichtbare rote Lichtzeichen beim Ausstoßen des Fallschirms gibt". Zwar gelang der Start zunächst, doch bald kippte die Rakete und raste in geringer Höhe über die Landschaft, bis sie nach 1,3 Kilometer dann abstürzte. Und "die automatische Fallschirmauslösung", musste Nebel zugeben, "hatte nicht geklappt." Für das HWA galt der Vertrag damit als nicht erfüllt und es verweigerte die Zahlung.

Becker sah sich bestätigt in seinen Ansichten über Nebel – unzuverlässig, unseriös – und betonte um so mehr den Kernpunkt seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Arbeit des Nebel-Teams: zu lautstark, zu schrill, zu öffentlich. Denn Becker legte, trotz seiner Erfahrungen mit den Paris-Geschützen, Wert darauf, dass Raketenforschung im Stillen, unter weitestgehender Geheimhaltung und nicht, wie auf dem Raketenflugplatz, im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stattzufinden habe.

Wozu er und das HWA auch allen Grund hatte, denn der Versailler Vertrag legte dem Deutschen Reich bei derartigen Dingen strikte Beschränkungen auf – und zwar auch auf dem Gebiet der Raketentechnik (obgleich bis heute immer wieder das Gegenteil behauptet wird). In Teil V, Abschnitt I, Kapitel II, Artikel 168 des Vertrages heißt es wörtlich: "Die Anfertigung von Waffen, Munition und Kriegsgerät aller Art darf nur in Werkstätten und Fabriken stattfinden, deren Lage den Regierungen der alliierten und assoziierten Hauptmächte zur Kenntnisnahme mitgeteilt und von ihnen genehmigt worden ist." Und weiter: "Diese Regierungen behalten sich vor, die Zahl der Werkstätten und Fabriken zu beschränken." Und Kriegsgerät aller Art schließt, auch wenn sie explizit nicht genannt werden, Raketen jeder Größe oder Bauart mit ein.

Außerdem, und wichtiger, verpflichtete der Versailler Vertrag das Deutsche Reich zur militärischen Abrüstung (woran es sich auch hielt), dem die Siegermächte ab 1927 folgen wollten (woran diese sich aber nicht hielten). Dies offenbarte den "verhängnisvollen Widerspruch" der Verträge von Versailles, Saint-Germain und Trianon: "Durch die einseitige Entwaffnung der besiegten Staaten verhinderten sie jede Wiedererrichtung eines Systems des Kräftegleichgewichts." Es galt die "bestürzende Tatsache, daß eine Gruppe von Staaten entwaffnet war, während die andere Gruppe gerüstet blieb" (Karl Polanyi). Deutschland fand sich ungeschützt zwischen hochgerüsteten Nationen wieder: Im Westen Frankreich, das in den 1920ern zur bestimmenden Macht auf dem Kontinent aufstieg; im Osten Polen, das 1919 die neue, durch die Revolution geschwächte Sowjetunion angegriffen und besiegt hatte und sich in der Folge Großmachtfantasien hingab. In dieser "prekären geopolitischen 'Zwei-Fronten-Situation'" (Gerhard Reisig) zeigte sich die Reichswehr schon bei der Besetzung des Ruhrgebiets durch Frankreich und Belgien (1921 und 1923) als zu schwach. "Zur wirksamen Abwehr aggressiver fremdstaatlicher Aktionen mußte sich das verteidigungsunfähige Deutschland … ein Verteidigungspotential schaffen. Das", so Gerhard Reisig weiter, "war der Hintergrund der Strategie der Reichswehr, auf die Entwicklung einer Fernrakete hinzuarbeiten." Und deshalb förderte das HWA bereits früh in den 1920ern Forschungen auf dem Gebiet der Flüssigkeitsrakete. (Und nicht, wie Michael Neufeld und andere immer wieder behaupten, um sich für einen bevorstehenden Angriffskrieg zu rüsten.)

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Nachdem Becker den Mannen um Nebel den vereinbarten Betrag verwehrt hatte, suchte ihn Nebel noch mehrfach auf, um ihn umzustimmen. Aber Becker blieb hart und ließ nicht mit sich reden. Für Nebel eine gewiss ungewohnte Erfahrung. Entsprechend finströs schilderte er seinen Leuten den Charakter Beckers als den eines sturen Militärs ohne jeden Weitblick. Und da ergriff der gerade einmal 20-jährige Wernher von Braun die Initiative und sprach, wahrscheinlich hinter dem Rücken Nebels, selbst bei Becker vor.

Im Unterschied zu Nebel und allen anderen auf dem Gebiet der jungen Raketentechnik tätigen Ingenieure hatte von Braun trotz seiner Jugend längst erkannt, wie groß die Kluft war zwischen der Mirak, der "kleinen spuckenden Rakete und einem riesigen bemannten Raumschiff". Ihm war "durchaus bewußt, daß die spielzeugähnliche Mirak tatsächlich ein kindischer Ansatz zu einer echten Flüssigkeitsrakete war. Probleme wie Kreiselsteuerung, Strahlruder, Hilfsantriebe, Abschaltregelung, Speisepumpen, Magnetventile wälzten sich" in seinem Gehirn. "Es war offensichtlich", so seine Schlussfolgerung, "daß der einzig gangbare Weg zur Raumfahrt über die Mittel und Einrichtungen der Armee führen würde."

In Oberst Klaus Becker fand er sich überraschenderweise einem Mann gegenüber, der nicht der beschränkte Kommisskopf war, als den ihn Nebel dargestellt hatte. Er hielt ihn sogar für "zugänglich und kenntnisreich sowie wissenschaftlichem Denken zugetan", wie Neufeld den Eindruck beschreibt, den Becker auf von Braun machte. Becker sprach aber auch deutlich aus, welches Problem er – und damit das HWA – mit den Leuten vom Raketenflugplatz hatte: "Wir sind sehr an der Raketenforschung interessiert", begann er, "aber es gibt einige Mängel in der Art, wie Ihre Organisation ihre Entwicklungsarbeit betreibt. Für unsere Zwecke wird zu viel Effekthascherei praktiziert. Sie würden Besseres leisten", schloss er geradeheraus, "wenn Sie sich auf wissenschaftliche Fakten konzentrierten statt Spielzeugraketen zu bauen."

Becker ignorierte den Einwurf von Brauns, dass diese "Effekthaschereien" nötig seien, um an die nötigen Mittel zu gelangen, und "zögerte nicht", so von Braun, "auf die Unvereinbarkeit von Schaustellung in jeder Form mit der Entwicklung einer Langstreckenwaffe im Deutschland von 1932 hinzuweisen". Zusätzlich zum Versailler Vertrag spielte auch die Stellung Deutschlands in der Weltgemeinschaft eine Rolle: Die Weimarer Republik, international weitgehend geächtet und isoliert, konnte und wollte sich keine offene Provokation zuschulden kommen lassen. Also ein weiterer Grund für Geheimhaltung in Sachen Waffentechnik. Folgerichtig bot Becker "eine beachtliche finanzielle Unterstützung" an, falls, wie von Braun es ausdrückt, "wir bereit wären, unsere Arbeit in der durch die Mauern eines militärischen Konklaves gesicherten Anonymität weiterzuführen".

Obgleich sich Wernher von Braun (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) schon längst entschieden hatte, was zu tun, was nur zu tun sein konnte, trat er den Rückweg zum Raketenflugplatz an, um mit Rudolf Nebel und Klaus Riedel über das weitere Vorgehen zu diskutieren. Riedel glaubte, so Wernher von Braun in einem bei ihm seltenen Schlenker ins Ironische, dass man in der Privatwirtschaft schon "die notwendigen finanziellen Mittel für einen solch würdigen Zweck wie die Raumfahrt" zusammenbekommen würde. Und Nebel, der im Ersten Weltkrieg als Kampfflieger in der Luftwaffe gedient hatte, verwahrte sich dagegen, für das Heer zu arbeiten. Bei der Luftwaffe, die es ja erst seit den 1910er Jahren gab, fanden sich die Leute, die nicht alles so eng sahen, die auch mal alle Fünfe grade sein lassen konnten. Auf den Punkt gebracht: Bei der Luftwaffe waren die Coolen tätig. Während das Heer eine Menge Tradition im Rücken und darüber gleichsam Patina angesetzt hatte, das heißt: Viel Bürokratie und Leute, die sich dahinter verschanzten. Das alles war für Nebel – natürlich – eine grauslige Vorstellung.

Die Diskussion verlief streckenweise hitzig, endete aber mit dem unausweichlichen Ergebnis: Von Braun war ab dem 1. November 1932, das Datum, das er selbst nennt, als Zivilangestellter für das Heereswaffenamt tätig. Was auch mit einem Ortswechsel verbunden war: Er arbeitete künftig nicht mehr am Raketenflugplatz Berlin, sondern in Kummersdorf.

Schon wenige Tage nach der Entscheidung von Brauns wurde begonnen, in der Versuchsstelle West einen ersten Prüfstand aus Beton zu errichten, der speziell zur Erprobung von Flüssigkeitsraketen vorgesehen war. "Er stand", wie Wolfgang Fleischer in seinem Buch Die Heeresversuchsstelle Kummersdorf protokolliert, "in unmittelbarer Nachbarschaft zum Pulverraketenprüfstand. Drei Betonwände, 6 m lang und etwa 4 m hoch, waren U-förmig aufgestellt worden. Die vierte Wand war ein zusammenklappbares Blechtor. Ein hölzernes Dach ließ sich auf Rollen mittels Seilwinde verschieben. Hinter den Mauern waren Meß- und Prüfräume; hier liefen zahllose farbige Kabel zusammen, befanden sich Ventile, Uhren und andere Instrumente. In Augenhöhe hatte man Sehöffnungen angebracht ... Zu der Anlage gehörten noch zwei Baracken mit Arbeitszimmer, Konstruktionsraum, Meßräumen, Dunkelkammer und einer Werkstatt."

Aggregat 1
Das Aggregat 1

In Kummersdorf begann Wernher von Braun auch an seiner Doktorarbeit zu schreiben: Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete. Die Arbeit entstand parallel mit dem Aggregat 1 (A1), der ersten Rakete der A-Reihe, das damit auch zu so etwas wie einem Experimentierexemplar wurde, um von den Miraks des Raketenflugplatzes weiter zu kommen auf dem Weg zur weltraumtauglichen Rakete. Das HWA warb Walter Riedel von den Heylandt-Werken ab, wo er zusammen mit Max Valier ein Flüssigkeitstriebwerk mit einem Schub von 20 kg entwickelt hatte, wobei, wie Olaf Przybilski meint, Valier wahrscheinlich der Ideengeber, Riedel der "ausführende" Ingenieur war. Dieses Triebwerk wurde in Kummersdorf weiterentwickelt bis zu den flugfähigen leichten, weil aus Aluminium gefertigten Triebwerken der Aggregate 1 und 2.

Ein weiteres Problem, das in Kummersdorf angegangen wurde, betraf die Flugstabilität sowie die Lenkbarkeit der Rakete. In der Artillerie ist es üblich, Geschosse zu stabilisieren, indem man dafür sorgt, dass sie sich um ihre Flug- bzw. Längs-Achse drehen. Ein Pfeil etwa, der um die Längsachse rotiert, liegt wesentlich stabiler und ruhiger in der Luft und erreicht damit das Ziel, auf das er abgeschossen wurde, deutlich zuverlässiger. Man nennt das Drallstabilisierung. Auch bei Pulverraketen wird sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgreich angewendet, wodurch ihre Zielgenauigkeit verbessert werden konnte. Bei Flüssigkeitsraketen steht einem diese einfache Methode jedoch nicht zur Verfügung, da der Treibstoff in den Tanks durch die Rotation der Rakete in Schwingungen geraten würde, die sich innerhalb kürzester Zeit so weit aufschaukeln können, dass sie nicht mehr zu beherrschen wären. Für das A1 ersann man daher eine gleichsam reduzierte Drallstabilisierung: Anstatt die gesamte Rakete rotieren zu lassen, montierte man einen Kreisel in die Spitze der Rakete und versetzt ihn vor dem Start in rasche Rotation (etwa 9.000 Umdrehungen pro Minute). Durch die Rotation des Kreisels entsteht eine Trägheitskraft (das Drehmoment), die die Rotationsachse des Kreisels starr und parallel zur Längsachse der Rakete ausrichtet. Jede Kraft, die von außen auf die Drehachse des Kreisels einwirkt und sie auszulenken versucht, wie zum Beispiel ein Windstoß, der die Rakete trifft, erzeugt im rotierenden Kreisel eine Gegenkraft, die die Rationsachse "ganz von alleine", nur aufgrund des Drehmoments, wieder in die stabile Ausgangslage zurückschwingen lässt und damit auch die Rakete wieder auf Kurs bringt.

Ob beziehungsweise inwieweit das alles auch im Flug funktioniert hätte, wurde nicht überprüft. Ob man es nicht konnte oder von vornherein gar nicht wollte –darüber haben die damals Beteiligten unterschiedliche Erinnerungen. So schreibt Wernher von Braun in seiner Dissertation, dass die Rakete, die in mehreren Versionen gebaut wurde, überhaupt nicht für einen Flug vorgesehen war, sondern lediglich die Aufgabe hatte, "die im Prüfstandsbetrieb entwickelten Einzelgeräte, also Ofen, Zündautomatik, Druckzusatzgerät usw., in einer praktisch verwendungsfähigen Form zusammenarbeiten zu lassen" (zitiert nach Przybilski: Raketentechnik). Andere erinnerten sich an mehrere Startversuche der kompletten Rakete. Wie dem auch gewesen sei – alle Testzündungen (einzelner Triebwerke oder der gesamten Rakete) endeten in Explosionen, und man entschloss sich, eine neue, verbesserte Rakete zu bauen: das Aggregat 2 (A2).

Das A2
Das Aggregat 2 (Nachbau)
Das Aggregat 2 
MaxMoritz
Schub (beim Start) [kN]3193,23193,2
Masse (Leer/Start) [kg]72/10772/107
Länge [mm]16101610
Durchmesser [mm]314314
Startdatum19.12.193420.12.1934
Brennschlusshöhe [m]17001800
Gipfelhöhe [m]22003500
Daten entnommen aus Olaf Przybilski: Raketentriebwerke (2017)

Das Triebwerk war das gleiche wie im A1; an der Rakete selbst wurde vor allem die Lage des Kreisels zur Flugstabilisierung verändert: Vom Bug wanderte er in die Mitte der Rakete, zwischen Sauerstofftank und Brennstofftank, was den Schwerpunkt der Rakete Richtung Heck verschob und damit die Flugeigenschaften verbessern sollte. Es dauerte bis Dezember 1934, da hatte Wernher von Braun seine Doktorarbeit längst abgeschlossen, bis zwei A2s – Max und Moritz genannt – startbereit montiert waren. Mit einem Startgewicht von 107 Kilogramm (Länge: 1,61 m; Durchmesser: 0,31 m; Schub: 2943 kN) waren sie bereits zu groß für die Startanlagen von Kummersdorf, weshalb man auf die Insel Borkum in der Nordsee ausweichen musste.

So setzte sich Anfang Dezember 1934 eine ganze Karavane aus LKWs und PKWs in Bewegung: LKWs für (Betriebs- wie Aufbau-)Mannschaften sowie für Betriebs- und Aufbau-Hardware und PKWs für Ingenieure und Techniker machten sich auf den 600 Kilometer langen Weg von Kummersdorf nach Borkum. 70 Menschen saßen in den Autos. Beim Eintreffen auf Borkum mussten alle von ihnen eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Nach knapp einer Woche war das Startgestell für die Raketen aufgebaut. Noch vor Morgengrauen stand die erste, Max, darin fertig montiert; die Startfreigabe erhielt sie noch am gleichen Tag, dem 19. Dezember 1932, kurz vor Mittag. Das Triebwerk brannte die vorgesehenen 16 Sekunden, bei Brennschluss befand sich die Rakete auf 1.700 Meter Höhe, die größte Höhe betrug 2.200 Meter.

Am nächsten Tag war Moritz startklar. Kurz nach Sonnenaufgang startete die Rakete in den Himmel. Brennschluss wieder nach 16 Sekunden, aber diesmal schwang sich die Rakete höher und höher, bis der Kulminationspunkt bei 3.500 Meter erreicht war. Keine Flüssigkeitsrakete war je so hoch geflogen. Beide Raketen konnten nach ihren Starts wieder aufgesammelt werden: Max 800 Meter südlich, Moritz 500 Meter östlich der Startstelle.

Raketenstartstelle Borkum
Die Raktenstartstelle auf Borkum heute (Foto: Martin Trolle Mikkelsen, 2017)

Dieser Erfolg stieg einigen Leuten beim Militär zu Kopf; sie glaubten sich schon am Ziel, wenn man nur die Reichweite des A2 auf 50 Kilometer steigern könnte. Das war nun so gar nicht im Sinne Wernher von Brauns. Man wollte schließlich in den Weltraum, und mit Geschossen, die grade mal 50 km schafften, konnte man das vergessen (bevor es richtig angefangen hatte). In einer eigenen Schrift wies Wernher von Braun daher darauf hin, dass man das A2 zwar in der geforderten Weise weiterentwickeln könnte, aber, zum Beispiel, die Zielgenauigkeit dadurch nicht wesentlich besser würde. Von Braun machte also dem Militär eine Rakete, die auf dem A2 basieren sollte, madig. Mit Erfolg, denn dergleichen Pläne waren mit von Brauns Text schnell vom Tisch.

Davon abgesehen, gaben aber die erfolgreichen Flüge von Max und Moritz "der Raketenentwicklung einen ziemlichen Auftrieb", so von Braun, "machten die offiziellen Brieftaschen lockerer und versetzten die Raketenleute in gehobene Stimmung." So begann man in Kummersdorf sofort mit den Arbeiten an der A3.

Aber nicht nur die Raketenleute zeigten sich beeindruckt: Das RLM bekundete Interesse an Starthilfsraketen für Flugzeuge, was kürzere Startstrecken und höhere Nutzlasten ermöglichen würde. Das RLM bat das HWA um eine Stellungnahme, "ob der Stand der Triebwerkentwicklung es angebracht erscheinen ließe", wie Botho Stüwe schreibt, "mit den vorhandenen Mitteln schon in die Konstruktion eines Raketenflugzeuges einzutreten." In der Antwort vom 27. Juni 1935, unterzeichnet von Wernher von Braun, bekundete das HWA seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem RLM. Erstmals ist in diesem Text von einer "Raketenversuchsanstalt" die Rede, wo sowohl ballistische Raketen als auch Flugzeuge mit Starthilfsraketen entwickelt und getestet werden sollten.

Will man in Deutschland Raketen und raketengetriebene Flugzeuge im Geheimen testen, gibt es eigentlich nur die Ostseeküste, wo sich ein dafür geeigneter Standort finden lässt. Mehrere Kandidaten wurden geprüft, darunter etwa Rügen. Es war Emmy von Braun, die Mutter Wernher von Brauns, die den Peenemünder Haken im Norden der Insel Usedom ins Gespräch brachte, weil sie sich erinnerte, wie ihr Vater dort häufig auf Entenjagd gegangen war. Schon Ende 1935 ging man in Kummersdorf daran, das erste Flugzeug, eine He 112, mit eingebauter Starthilfsrakete zu testen. Gleichzeitig befand man das Gelände um das Fischerdorf Peenemünde für die Zwecke des HWA und des RLM als geeignet.

Anfang des Jahres 1936 wurde es dann sehr schnell konkret. Major Wolfram Freiherr von Richthofen vom RLM, beeindruckt von der schnellen und effizienten Arbeitsweise in Kummersdorf, sagte - unbürokratisch und unter Umgehung des Dienstwegs – einen Betrag von fünf Millionen Reichsmark für den neuen Standort auf Usedom zu. Da konnte das Heer natürlich nicht zurückstehen: Es legte sechs Millionen Reichsmark drauf, und bereits im April 1936 wurde das spärlich besiedelte Land des Peenemünder Hakens der Stadt Wolgast, der Eignerin, für 750.000 Reichsmark abgekauft.

 

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