Apollo 11

Eine Graphic Novel über die erste bemannte Mondlandung? Ist das nicht etwas gewagt? Immerhin war die Mondlandung von Apollo 11 im Juli 1969 das größte Medienereignis - und ist es noch immer. Jeder, jeder, der damals alt genug war, kennt die Bilder. Matt Fitch und Chris Baker (Text) sowie Michael Collins (Zeichnungen) sind deshalb in Apollo 11 gleich konsequent und setzen genau das voraus: dass der Leser ihrer Graphic Novel vertraut ist mit den Geschehnissen und den Bildern dieser Geschehnisse im Sommer des Jahres 1969.

Es wird sich also nicht erst mit Vorworten, Einleitungen, Erklärungen et cetera aufgehalten. Lediglich ein kurzer Anhang bietet beschriftete Risszeichnungen der wichtigsten Mond-Hardware: Saturn V, Apollokapsel mit Versorgungsmodul, Mondfähre. Statt dessen beginnt Apollo 11 gleich am Morgen des 16. Juli 1969 in Cape Kennedy, wo an der Startrampe LC39A die Saturn V steht, bereit eine bisher nur als Fantasie vorstellbare Unternehmung - die bemannte Landung auf einem anderen Himmelskörper - in die Tat umzusetzen.

Schon in dieser Startsequenz läuft Apollo 11 zur Hochform auf: Allein durch den Mix aus harten, schnellen Schnitten, weiten Panoramen und extremen Closeups baut sich eine sehr dynamische Szenerie auf. Die starke Rasterung gibt jedem Bild außerdem eine plastische Tiefe, die dem Ganzen noch mehr Dynamik verleiht. Nach Erreichen des Weltraums, zwischen Erde und Mond, kommt ein tiefes Schwarz hinzu, das ungerastert ist - was die Weite des Alls betont und dem Aufbruch des Menschen in die "unendlichen Weiten" eine zusätzliche Dramatik verleiht.

Geschildert wird die Mission aus der Perspektive der drei Astronauten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Mike Collins. Persönliches spielt eine Rolle - etwa die Sorgen Janet Armstrongs, Ehefrau Neil Armstrongs, oder die Obsessionen von Aldrins Vater. Ebenso Technisches - die wesentlichen Etappen der Mission werden geschildert: Ankoppeln des LM an das CSM, Abstieg zum und Aufsetzen des LM auf dem Mond; auf der Rückreise Restart und Reentry. Auch die politische Situation der Zeit kommt nicht zu kurz: Präsident Nixon macht sich Sorgen um seinen Platz in der Geschichte; der zeitgleich stattfindende Vietnam-Krieg ist fast ständig präsent.

Der national-amerikanische Aspekt spielt natürlich seine gebührende Rolle - der Spirit of America zieht sogar in persona durch die Graphic Novel. Aber - und das ist heutzutage schon bemerkenswert - es wird auch ein Mehr, vielleicht sogar das Spirituelle der Míssion angedeutet. Was vielleicht auch daran liegt, dass sowohl die Text-Autoren als auch der Zeichner keine Amerikaner, sondern Briten sind. Man bleibt dem vorangestellten Motto verpflichtet, das von Carl Sagan stammt und das mit der Frage endet: "Worum ging es bei APOLLO wirklich?"

Fazit: Grandios. -- Da verzeiht man ein paar kleinere Fehler gern - darunter auch den Klassiker beim Countdown einer Saturn V: Die Zündung der (Erststufen-)Triebwerke und der Liftoff finden nicht gleichzeitig bei T = 0 statt, wie es die Bildsequenz zeigt; vielmehr werden die Triebwerke 9 Sekunden vor dem Abheben der Rakete gezündet.

Cover Apollo 11

Apollo 11
Apollo (Originaltitel)
Text: Matt Fitch & Chris Baker
Illustration: Mike Collins
Kolloration: Kris Carter & Jason Cardy
Deutsche Übersetzung: Ebi Naumann
Verlag: Knesebeck, 2019

Noch eine Bemerkung (nicht nur, aber auch Werbung in eigener Sache): Mit ein Grund für unsere Begeisterung ist: In Summer of 69 vertreten wir eine ähnliche Meinung, dass Apollo nämlich sehr viel mehr war, als bloß ein Projekt des Kalten Kriegs, mehr als ein simples Wettrennen zweier Systeme, sondern dass es eben auch eine spirituelle Komponente hatte.