Moonglow

Kriege neigen dazu, die Tage zu überrollen, die ihnen vorausgehen.
Thomas Pynchon

"In der V2 vereinten sich Form und Funktion, wie beim Messer, Hammer oder anderen wesentlichen Werkzeugen des Menschen. Sobald man eine V2 sah, wusste man, wofür sie bestimmt war. Man verstand, was sie konnte. Sie war ein Werkzeug, um die Schwerkraft zu überwinden, um den Grenzen der Erde zu entschwinden." Dieses Lob der V2 in der Mitte des Romans gipfelt in den Sätzen: "Die Rakete war wunderschön. Ein Künstler hatte sie gestaltet, um die Ketten zu sprengen, die die Menschheit fesselten, seit sie sich erstmals der Schwerkraft der Erde und deren Entsprechungen in Leid, Versagen und Schmerz bewusst geworden war." (S. 198ff.)

Michael Chabon erzählt in seinem Roman Moonglow die Geschichte seines Großvaters mütterlicherseits; den Großvater gab es wirklich, die Geschichten sind, so Chabon in einem Interview, weitgehend erfunden. Wie man das bei einem Roman eben erwartet. Natürlich lebt ein Schriftsteller zu einem Gutteil davon, die Erwartungen seiner Leser nicht zu erfüllen, sondern Überraschendes zu bieten. Das tut Chabon, indem er seinen Roman als Memoiren ausgibt, geschrieben von einem Autoren namens Michael Chabon, der das Leben seines Großvaters, eines Ingenieurs und Raketenenthusiasten, nacherzählt. Um die Fiktion des Nicht-Fiktionalen zu unterstützen, schiebt er gelegentlich Fußnoten ein, die das Erzählte in historische Gegebenheiten einordnen. Und es kommt eine Person der Zeitgeschichte vor, nämlich Wernher von Braun, der erwähnte Künstler, der die V2 erschuf.

Diesen zu jagen ist die Aufgabe des im Übrigen namenlosen Großvaters gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Dabei kommt er weit herum im bereits verwüsteten Deutschland, auch in die Nähe Soests, wo er unerwartet vor einer intakten V2 steht. Was dann zu den eingangs zitierten Überlegungen führt. Die (natürlich) nicht das letzte Wort in Sachen V2 darstellen.

Zum Großvater gehört auch eine Großmutter, ebenfalls namenlos. Er lernt sie nach Ende des Krieges in Baltimore bei einer Feier in einer Synagoge kennen. Sie ist Französin und trägt auf dem Unterarm die Auschwitz-Nummerierung. Eine Überlebende also des Holocaust? Das jedenfalls ist die Geschichte, an der sie über die Jahre hinweg festhält und mit der ihre Familie einschließlich ihres Mannes leidlich zurechtkommt. Außerdem leidet sie seit ihrer Jugend an einer Schizophrenie, die sich durch akustische und optische Halluzinationen äußerst, in denen ein gehäutetes Pferd eine dominierende Rolle spielt.

Erzählt wird dieser "Lebensstoff", wie der österreichische Falter misslaunig bemerkt, "in sprunghafter Chronologie", in "erzählerischer Hektik", mal "sind wir im Krieg, ein andermal in den 1980er-Jahren in Florida, dann wieder im New York der Fifties. Der Roman wird davon nicht überzeugender." Denn die Geschichte, die Chabon aus diesen Ingredienzien erzählt, ist, man muss es konstatieren, als Plot wenig originell, gar absehbar in den großen Zusammenhängen.

Am deutlichsten wird das in der Figur des Wernher von Braun. Während bei der Großmutter das maximal Undenkbare gedacht wird - die Auschwitz-Nummer ließ sie sich nachträglich tätowieren, weil ihr das die freie Einreise in die USA ermöglichte -, macht Chabon bei von Braun immer wieder eine Rolle rückwärts und endet stets bei den üblichen Klischees und Behauptungen und, ja: auch bei Lügen.

Den eingangs zitierten Sätze über die V2, die sie als technisches Meisterwerk, gar als Kunstwerk feiern - beides natürlich zu Recht -, folgen erwartungsgemäß (und ebenfalls zu Recht) Sätze zum Mittelwerk, der unterirdischen Fertigungsanlage, wo ab Januar 1944 die V2 von Zwangsarbeitern in Serie zusammengebaut wurde. Die dort herrschenden Bedingungen kosteten mehr als 10.000 Menschen das Leben. Und da sämtliche Großraketen dieser Welt auf die V2 zurückgehen, also auch die Saturn V, die Mondrakete des Apollo-Programms, kommt Chabon folgerichtig zum Schluss, dass der (amerikanische) Weg zum Mond eine "Leiter aus Knochen" (S. 457) gewesen sei (einen Satz, den Chabon als den schönsten in seinem Roman bezeichnet).

Dies ist eine Möglichkeit die bemannte Mondlandung zu interpretieren. Dabei ist allerdings irritierend, dass Chabon die Tausende von Toten, die die V2 bei den geflogenen Angriffen auf (vor allem) London und Antwerpen forderte, mit keinem Wort auch nur erwähnt. Zum anderen könnte man - als nicht minder moralische Gegenthese - behaupten, dass mit dem Apollo-Programm der kriegerische Beginn der Raketenentwicklung in Peenemünde seinen friedlichen Abschluss fand als wissenschaftliche Exploration einer anderen Welt.

Zurück zu Wernher von Braun.

In einer beiläufig angebrachten Parenthese behauptet Chabon, dass Wernher von Braun in der SS "bereits zum Rang eines Sturmbannführers aufgestiegen war" (S. 293) und suggeriert damit, von Braun habe in der SS aktiv an seiner Karriere gearbeitet. Und das ist keine hemmungslose Fabulierkunst mehr, keine literarische Freiheit, auch keine schrille Überzeichnung - das ist schlichtweg eine Lüge. Und das lässt sich auch in der Wernher-von-Braun-Biografie Michael Neufelds nachlesen (die Chabon in der Danksagung als Quelle angibt).

Und zur Rolle von Brauns im Mittelwerk liest man bei Neufeld (auf S. 196): "Um fair zu sein: Es war ihm kaum oder überhaupt nicht möglich, den Gefangenen zu helfen." Denn die Kontrolle war ihm da längst entglitten. (Dass die Peenemünder nach dem Krieg die Rolle der SS dazu nutzten, sich selbst zu entlasten, ändert nichts an den Fakten: Die SS war im Mittelwerk die treibende Kraft.)

Am Ende kommt es in Moonglow zu einer Begegnung zwischen dem desillusionierten Großvater und Wernher von Braun. Das mag zwar nicht sehr glaubhaft sein - zumindest fällt es schwer, sich vorzustellen, wie von Braun in einen Ficustopf pinkelt -, aber zumindest ist es gebührend grotesk, eben fabulierfreudig. Aber selbst das läuft - grob gestrickt, wie heutzutage üblich - hinaus auf das "Nazischwein" (S. 464), das von Braun gewesen sei.

Michael Chabon: Moonglow
Deutsche Übersetzung: Andrea Fischer
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Umfang: 496 Seiten
Erschienen im März 2018