Westfalen im Mond-Fieber

Bekanntlich jährt sich in diesem Sommer die erste bemannte Mondlandung von Apollo 11 zum fünfzigsten Mal. Dieses Ereignis ließ (natürlich) auch Westfalen nicht unberührt. Die Wanderausstellung Westfalen im Mond-Fieber, deren erste Station das Museum für Naturkunde in Münster ist (noch bis 23. Juni), befasst sich deshalb (auch, aber nicht nur) mit den westfälischen Heimataspekten der großen Reise zum Mond. Auf 200 m2 Ausstellungsfläche sind dazu mehr als 120 Objekte zu sehen, außerdem gibt es fünf aktive Medienstationen mit über 50 Videos, eine Liederstation mit 7 Songs, ein interaktives Quiz sowie ein paar Körnchen originalen Mondstaubs (den adäquat zu fotografieren sich leider als unmöglich erwies).

Westfalen im Mond-Fieber
Die Wanderausstellung zur Mondlandung

Viele der Ausstellungsstücke wurden von Privatleuten zur Verfügung gestellt. Etwa eine Apollo-Kochschürze (mit dem LM vorne drauf) oder zeitgenössische Kinderzeichnungen, die nach den Original-TV-Übertragungen angefertigt wurden, oder auch eine Graustufenskala, die mit Apollo 17 geflogen ist. Doch legt die Ausstellung das Thema Mond sehr weit aus. Es finden sich auch Modelle der Mondstationen aus dem Film 2001: Odyssee im Weltraum oder der TV-Serie Mondstation Alpha 1; ein Exemplar von Unternehmen Stardust, des ersten Perry-Rhodan-Heftes von 1961 (in dem der Held im Jahr 1971 auf dem Mond landete). Außerdem zu sehen: Kartenspiele, Spielautomaten, Schallplatten, Hörbücher, Dioramen, Pop-up-Bücher, Fotowände, die mit NASA-Aufnahmen eine kleine Geschichte innerhalb der großen erzählen - und noch sehr viel mehr.

Spielautomat Sputnik
Spielautomat Sputnik

Doch kommt auch die ganz große Geschichte nicht zu kurz. Dazu sind in der Ausstellung mehrere fast mannshohe, durchnummerierte Schautafeln aufgestellt, die in Text und Bild jeweils einen Aspekt des "beschwerlichen Wegs zum Mond" (Klappentext des Katalogs) herausgreifen. Schautafel 1 etwa - Raketen-Entwicklung betitelt - beginnt mit der Feststellung, die nicht so banal ist, wie sie hier formuliert wurde, dass man für die Raumfahrt Raketen benötige. Die Folgerung: Erst die Weiterentwicklung der Raketen im 20. Jahrhundert ermöglichte die Mondlandung. Es folgt das bereits allseits bekannte Bild aus Zeiten des Raketenflugplatzes Berlin (1930), auf dem man alle deutschen Raketenpioniere versammelt sieht: Hermann Oberth, der die Rakete theoretisch projektierte - Rudolf Nebel, der sie als begnadeter PR-Mann populär machte - und Wernher von Braun, der die Weltraum-Rakete dann erschuf.

Kritisches zu Tafel 1: Nach der Bemerkung zur Notwendigkeit von Raketen folgen die Sätze: "Raketen waren davon [vom Versailler Vertrag] nicht betroffen, weshalb in Deutschland intensiv an Raketen geforscht wurde. Das Militär interessierte sich für Raketen, um sie für den Krieg zu nutzen." Beides ist so nicht ganz richtig.

1. Raketen wurden im Versailler Vertrag explizit nicht erwähnt, implizit aber schon. In Artikel 168, Teil V, heißt es beispielsweise: "Die Anfertigung von Waffen, Munition und Kriegsgerät aller Art darf nur in Werkstätten und Fabriken stattfinden, deren Lage den Regierungen der alliierten und assoziierten Hauptmächte zur Kenntnisnahme mitgeteilt und von ihnen genehmigt worden ist." Und Kriegsgerät aller Art schließt Raketen nicht wirklich aus.

2. "Das Militär interessierte sich für Raketen, um sie für den Krieg zu nutzen" lässt anklingen, vermutlich nicht unbeabsichtigt, sie als Angriffswaffen einzusetzen (oder mit ihnen einen Angriffskrieg zu planen). In Wahrheit begann sich das deutsche Heer in den 1920er Jahren für Raketen als Abschreckungs- und Verteidigungssystem zu interessieren; immerhin war das Deutsche Reich bereits mehrfach von Nachbarstaaten angegriffen worden, ohne dass die Reichswehr etwas dagegen hätte unternehmen können.

Mit Tafel 2 sind wir bei Produktion und Einsatz der V2. Wir erfahren die Namen zweier westfälischer Firmen, die Teile für die Serien-Produktion lieferten, sowie diverse Orte Westfalens, von denen V2s gegen Antwerpen abgefeuert wurden. Begleitend hierzu sind in einer Vitrine ein paar Bauteile der V2 sowie einige Utensilien von Zwangsarbeitern ausgestellt, die die Rakete im Mittelbau Dora zusammenbauten.

Grafit-Ruder
Teil eines Grafit-Ruders der V2

Tafel 3 springt in die USA, wo das Team um Wernher von Braun die Raketenentwicklung fortsetzte. Abgebildet ist, quasi einleitend, das erste Foto von der Erde aus dem All, aufgenommen von einer V2, die bei den Starts in den USA gleichsam zu ihrer eigentlichen Bestimmung fand: der Erforschung des Weltraums. Blickfang der Tafel ist natürlich die mächtige Saturn V, die Mondrakete, vor der von Braun posiert, ohne Jackett, eine Hand lässig in der Hosentasche.

Zwischenfazit: Die Ausstellung schafft es tatsächlich, "die Begeisterung für die technischen Erfolge von Brauns" zu wecken und gleichzeitig die Vergangenheit seiner V2 als Waffe, was rund 20.000 Menschen bei Bau und Angriffsflügen das Leben kostete, nicht zu verschweigen - ohne den Besucher auf die eine oder andere Sichtweise einzuschränken. Denn: "Wernher von Braun vereinte beide Aspekte in sich." (Aus dem Artikel Gedanken zum musealen Umgang mit Wernher von Braun, Ausstellungskatalog, S. 19ff.)

Doch sei auch zu diesem Artikel Kritisches angemerkt: Der Autor beginnt damit, sein Befremden darüber auszudrücken, dass das Technikmuseum Speyer Wernher von Brauns Arbeit im Dritten Reich sowie den Einsatz der V2 als Waffe ausklammere. Von Braun wird in Speyer unter der Rubrik "Visionäre" vorgestellt. Und darauf beschränkt man sich eben: auf die Visionen, mit denen von Braun die Raumfahrt geprägt hat. Muss wirklich jedes Museum, jede Ausstellung, jeder Text zu Wernher von Braun seine Verstrickungen im Dritten Reich mehr oder weniger ausführlich abhandeln? Der Autor meint offenbar, genau das müsse sein. Begründet wird das, wie so viel intellektuell Zweifelhaftes heutzutage, mit dem "Rechtsruck unserer Gesellschaft", der sich angeblich in den letzten Jahren ereignet habe. Dabei müsste man sich heute - siehe hysterische Schul- und Straßenumbenennungsaktionen - eher darüber Sorgen machen, dass Wernher von Braun auf seine Zeit im Dritten Reich reduziert wird.

Der folgende Text - Raumfahrt im Kalten Krieg - rekapituliert noch einmal die Stationen von der amerikanischen wie sowjetischen Jagd nach deutschen Raketenwissenschaftlern bis hin zur Zeit der Entspannung, die in der Raumfahrt vor der politischen stattfand. Der Preis, den beide Seiten, also, wenn man so will, die Menschheit bezahlte, war die Beschränkung der bemannten Raumfahrt auf den erdnahen Orbit.

Die nächsten vier Artikel des Ausstellungskatalogs spannen dann einen weiten Bogen: Von der Erforschung des Mondes, die mit Apollo so richtig Fahrt aufnahm, was sogar zu einer neuen Theorie zur Entstehung des Mondes führte (die bis heute gilt). Über Frauen in der Raumfahrt, die, lange bevor sie hinterm Steuerknüppel ins All flogen, eine große Rolle bei der mathematischen Bewältigung der Raumfahrtprobleme spielten. Bis hin zum Mond-Revival in der heutigen internationalen Raumfahrt und der Computer-Hard- und Software, die Apollo erst möglich machten.

Die letzten drei Artikel wechseln dann von der wirklichen Welt in die inszenierten Kunst- und Literatur-Welten der Raumfahrt: Von der ersten filmischen Mondlandung (1902) über Fritz Langs Frau im Mond (1929) und Stanley Kubricks 2001 bis zum Horror-Streifen Apollo 18. Beim schon erwähnten Perry Rhodan, der die realen wie fiktiven Mondlandungen der 60er Jahre eröffnete, werden westfälische Wurzeln offengelegt und der letzte Artikel schließlich befasst sich mit Weltraumspielzeug, das damals allgegenwärtig war.

Spielzeug-LM
Das LM als japanisches Spielzeug

Zu fast allen Kapiteln zeigt die Ausstellung auch entsprechende Exponate. Westfalen-Bezüge finden sich nicht überall, aber wenn es sie gibt - die Ausstellung zeigt sie auf.

Ein besonderes Stück - bei dem Westfalen allerdings außen vor bleiben muss - findet sich im Eingangsbereich der Ausstellung. Es handelt sich sozusagen um ein Mond-Orginal: NWA 11444 ist echtes Mondgestein, das allerdings nicht Apollo zur Erde gebracht hat, sondern das bei einem gigantischen Einschlag aus der Mondoberfläche heraus- und bis zur Erde geschleudert wurde, wo man es 2017 in Mauretanien fand. (Im Gegensatz zum ausgestellten Mondstaub erwies sich dieser Stein als halbwegs fotogen.)

NWA 11444
Mondmeteorit NWA 11444

Nächste Station der Wanderausstellung Westfalen im Mond-Fieber ist Bergkamen im dortigen Städtischen Museum vom 30. Juni bis 25. August 2019.