Kultur

Woodstock

Im Sommer 1969 gab es zwei herausragende Ereignisse: Neben der ersten bemannten Mondlandung von Apollo 11 im Juli folgte einen Monat später, im August 1969 – die Astronauten hatten da gerade die ihnen auferlegte Quarantäne verlassen und waren auf eine PR-Tour durch die ganze Welt aufgebrochen – das Open Air Festival von Woodstock. Während Apollo 11 zu einem Mythos für Technikoptimisten wurde, wurde Woodstock zur Legende der so genannten Gegenkultur.

"3 Days of Peace & Music" war das Motto der Veranstaltung. Was klingt – und bis heute auch meist so verstanden wird – wie ein spontaner Hippie-Slogan, entsprang einer ausgeklügelten Marketingstrategie: Nachdem sie zwei potente Finanzinvestoren aufgetan hatten, wurde am 28. Februar 1969 von den Rockmanagern und Festivalveranstaltern Artie Kornfeld (damals 24 Jahre alt) und Michael Lang (26) in New York die Woodstock Ventures Inc. gegründet. Bei einem Einsatz von einer Viertelmillion Dollar, rechnete man damit, dass am Ende des auf drei Tage und rund 200.000 Besuchern angelegten Festivals ein ebenso großer Reingewinn abfiele. Das Festival sollte vom 15. August 1969, einem Freitag, bis zum 17. August dauern und in der Nähe des Städtchens Woodstock stattfinden.

Der Jugend des Landes gingen derartige Profitneurotiker am Allerwertesten vorbei. Nach dem Zusammenbruch der Hippiekultur an der Westküste wollte sie es noch einmal wissen. Aufgekommen waren die Hippies irgendwann im Frühjahr 1965 in San Francisco. Sie waren jung und wollten alles anders machen als ihre Eltern; sie träumten von einer anderen Gesellschaft, von freier Liebe und erweitertem Bewusstsein, von Rausch statt konformem Denken und Leben. Ihren Höhepunkt fand die Bewegung im Summer of Love des Jahres 1967, als Hunderttausende nach Kalifornien gepilgert waren, um am ersten Open Air Concert der Rock- und Popmusik, dem Monterey Festival, teilzunehmen.

Nach dem Ende des Summers of Love strandeten Zehntausende davon in Height Ashbury, einem Stadtteil von San Francisco und Mittelpunkt der Hippie-Kultur. Sie strandeten in einer Stadt, die von dem plötzlichen Ansturm völlig überfordert war. Viele der jungen Leute landeten auf der Straße, ausgebeutet von Drogenhändlern, Zuhältern und anderen Kriminellen, die mit Utopien nichts am Hut hatten. In den Straßen von San Francisco starben ihre unschuldigen Ideale einer freien Gesellschaft. Die Kriminalität stieg von Monat zu Monat, und nach noch nicht einmal zwei Jahre war aus Height Ashbury ein Slum geworden, beherrscht von Obdachlosigkeit, Krankheit und Gewalt. (Die Polizei-Serie Die Straßen von San Francisco, mit Michael Douglas und Karl Malden in den Hauptrollen, thematisierte in den 70er Jahren immer wieder die Nachwirkungen dieser Entwicklung.)

Schon Wochen vor Konzertbeginn trafen die ersten in Bethel ein; dorthin war die Veranstaltung verlegt worden, nachdem die Einwohner Woodstocks das Konzert in ihrem Ort verhindern konnten. Am Mittwoch, zwei Tage vor Konzertbeginn, befanden sich bereits 100.000 Menschen auf dem Gelände, die wenigsten davon hatten Karten im Vorverkauf erworben, vor Ort jedoch waren noch keine Kassenhäuschen aufgebaut. Am Freitag zu Konzertbeginn waren es bereits um die 400.000 Menschen, und Kassenhäuschen gab es noch immer nicht. Die Straßen der Umgebung waren großräumig verstopft. Bei Konzertbeginn verkündete Michael Lang, dass ab sofort kein Eintritt mehr verlangt werde.

Kurz nach 17 Uhr am Freitagnachmittag eröffnete der Folkmusiker Richie Havens das Konzert. Höhepunkt des ersten Tages war der Auftritt von Joan Baez, schon damals (neben Bob Dylan) eine Ikone der Gegenkultur. Bereits an diesem ersten Tag mussten einige Auftritte wegen schwerer Regenfälle unterbrochen werden. Die Regenfälle sollten in den kommenden Tagen immer wiederkehren; zeitweise verwandelte sich die Veranstaltung buchstäblich in eine Schlammschlacht. Der jugendlichen Begeisterung tat dies jedoch keinen Abbruch.

Drei Tage lang – bis Montagmittag gegen 11 Uhr, als der Auftritt von Jimi Hendrix das Festival beendete – feierte die Jugend, vor allem sich selbst. Wie immer man heute zu Woodstock als durchorganisierte Profit- und PR-Unternehmung steht – für die jungen Menschen damals war es vor allem ein Fest: 400.000 von ihnen (übrigens so viele wie Menschen am Apollo-Programm mitgearbeitet haben) fanden sich friedlich zusammen und zeigten dem Establishment noch einmal, dass es auch anders geht. Allerdings folgte nach Woodstock (wie ja auch nach Apollo) die große Ernüchterung; die Zeit der großen Aufbrüche – in den Weltraum oder in ein neues Amerika – war zu Ende und es kam zu den bleiernen 70ern.

Und noch etwas verband Woodstock mit Apollo – beide waren erfolgreich, weit über ihre Zeit hinaus. Das Apollo-Projekt machte die USA endgültig zur führenden technologischen Macht. Und Woodstock, obgleich die drei Tage im August 1969 für die Veranstalter ein finanzieller Reinfall war, wandelte sich mit dem gleichnamigen Film, der 1970 in die Kinos kam und zu einem der erfolgreichsten Dokumentarfilme überhaupt wurde, zu einem weltweiten Merchandising, das bis heute jedes Jahr mehrstellige Millionenbeträge generiert.

 

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